Artikel: Verschwörungsglaube und autoritäre Einstellungen

Marius Dilling, Ayline Heller, Clara Schließler, Dr. Johannes Kiess, Elmar Brähler und Oliver Decker widmen sich in ihrem frisch erschienenen Aufsatz in „Frontiers in Psychology“ dem Zusammenhang zwischen Verschwörungsglauben und autoritären Einstellungen.

 

Spätestens seit den Corona-Protesten scheint die öffentliche Debatte vor einem Rätsel zu stehen: Menschen verstehen sich als Widerstand gegen einen „autoritären Staat", inszenieren sich als Verteidiger von Freiheit und Demokratie – und sind gleichzeitig antipluralistisch, rigide und offen für extrem rechte Positionen. Dazu kommt ein auffälliger Hang zu Verschwörungsdenken und Esoterik. Die gängige Autoritarismus-Messung stößt hier an Grenzen. Sie erfasst im Kern drei Dinge: Unterwerfung unter Autoritäten, Aggression gegen Abweichende, starres Festhalten an Konventionen und dem Status quo. Gemeint ist der Radfahrer, der nach oben „buckelt“ und nach unten „tritt“ und dabei in ausgefahrenen Bahnen fährt. Wer aber die Regierung ablehnt und sie stürzen will, passt da nicht so recht hinein. Sind diese Menschen also nicht autoritär? Wir meinen: doch. Nur in einer anderen Form.

Neu ist dieser Gedanke allerdings nicht. Schon in der „Authoritarian Personality" haben u. a. Theodor W. Adorno und Else Frenkel-Brunswik in den 1950er-Jahren beobachtet, dass Aberglaube und Verschwörungsdenken zum autoritären Syndrom gehören. Hier war schon viel mehr angelegt, als in der späteren Rezeption übrigblieb. Daraus leiten wir zwei autoritäre Psychodynamiken ab:

  1. Sadomasochismus: nach oben buckeln, nach unten treten. Unterwerfung unter starke Autoritäten, Aggression gegen „die Anderen", Wunsch nach Ordnung. Das klassische Bild, das gängige Skalen gut abbilden.
  2. Fetischismus: die Verleugnung einer unerträglichen Realität. Die Macht liegt hier nicht beim starken Führer, sondern bei Schicksal, Sternen oder geheimen Verschwörern. Sichtbar wird das in Verschwörungsmentalität und Aberglauben.

Die Begriffe klingen provokant, haben aber eine lange Tradition: Schon Erich Fromm sprach in den 30ern vom ‚sadomasochistischen Charakter‘, und Freud beschrieb mit dem Fetischismus die Verleugnung der Realität.

Der gemeinsame Kern: In beiden Fällen wird die Verantwortung für das eigene Leben an eine äußere Macht abgegeben. Das entlastet von der Ohnmacht angesichts einer komplexen, unberechenbaren Welt.

Diese Überlegungen haben wir mit repräsentativen Daten der Leipziger Autoritarismus Studien überprüft. Das Ergebnis: Unsere Annahmen halten dem Test stand. Verschwörungsglaube und Aberglaube lassen sich tatsächlich als eigene Spielart des Autoritarismus verstehen.

 

 

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